Biedermeier, Bürgermeister, Lenin und andere Skurrilitäten

Nach dem Urlaub gefällt mir’s in Berlin weniger als vorher. Anderswo war’s spannender und außerdem ist es hier schon so kalt. Dauert daher wohl noch etwas, bis ich die Berlin-Werbe-Serie fortsetze.

Für meine Stimmung gab es gestern schon Abhilfe, einen Urlaubstag in Berlin. Insbesondere dank der Langen Nacht der Museen. Da fand sich so einiges am Wegesrand:

  • Das Rote Rathaus lag neben dem Ausgangspunkt und ist von innen recht prunkvoll.
  • Die Ungarn haben dort das Rahmenprogramm geliefert, und wieder Werbung für Budapest unters Volk gebracht. War in meinem Fall nicht nötig, ich habe schon beim letzten Ungarn-gesponsorten Event gemerkt, dass ich da unbedigt hin muss.
  • Etwas arg piefig fand ich, dass es nur im VIP-Bereich Weingläser gab, der Pöbel musste aus Plastikbechern trinken. Nee, danke.
  • Vor dem Büro des Regierenden war eine Schlange. Sein Inhaber war nämlich gleich mit zu besichtigen. Musste vermutlich noch seinen Schreibtisch aufräumen. Da ich mich vor lauter Überraschung am Smalltalken und Autogrammkarten annehmen beteiligt habe, konnte ich das gar selbst wahrnehmen. Meine Begleitung hat kein Autogramm genommen und dafür aber wahrgenommen, dass aufgeräumt war. Wowereit wirkte erstaunlich entspannt und sympatisch. Vermutlich war das nur eine 10 Minuten lange Aktion.
  • Die neue Daueraustellung zur deutschen Geschichte im DHM/Zeughaus werde ich mir mal richtig anschauen. Aufgrund der Fülle der Exponate mit Audioguide. Ist auch für ausländische Besucher und Kinder zu empfehlen. Es gibt neben fast durchgehender englischer Beschriftung genug Exponate aus der jeweilgen Zeit, dass schon jeder irgendwas interessant finden wird. Und die Ausstellung ist so konzipiert, dass man überall Abkürzungen nehmen kann.
  • Warum die englische Beschriftung allerdings so klein gesetzt ist, dass es anstrengend ist, sie zu verfolgen, muss mir mal jemand erklären. Eine dritte oder weitere Sprachen sind nicht vertreten.
  • Habe mir exemplarisch Biedermeierfamilien, einen Liporello zur ersten Nürnberg-Fürther-Eisenbahneröffnung sowie die Frankfurter Paulskirche angeguckt.
  • In der Paulskirche durften Frauen mitreden, aber nicht abstimmen. Der Eisenbahkitsch hingegen war ganz groß.
  • Im Foyer stehen Lenin und D.-Land-der-Ideen-Vorzeigefiguren.
  • Lenin ist sehr groß und hat eine beindruckende Geschichte: Er stand eigentlich in Pushkin, da war ich ja auch neulich. Die deutsche Wehrmacht hat ihn dann erstmal mit nach Hause genommen, um ihn einzuschmelzen. Klingt nicht sehr effizient. Zum Einschmelzen kann es dann auch nicht, es gab wohl genug Bronze in Eisleben. Als die rote Armee vorrückte, haben ein paar Opportunisten Lenin schnell wieder vor Ort aufgerichtet. Und da stand er dann, bis er Anfang der 90er abgebaut und dem DHM überreicht wurde.
  • Die zeitgenössischen Deutschen hingegen sind nur lebensgroß und aus Pappe. Man kann raten, was wohl welche Pappnase verbrochen hat, und es dann auf ihrer Rückseite nachlesen. Der Gründer von openbc ist Jahrgang 76, ui.
  • Vor der alten Nationalgalerie gab’s coole bis lustige bis zu alberne europäische Kurzfilme und Liegestühle. Die Füße haben sich gefreut.
  • Für’s Pergamonmuseum musste man nicht anstehen. Alles sehr entspannt. Die Number-1-Sight wurde nett beleuchtet und beschallt und das Publikum hing auf den Stufen ab. Als wären wir wirklich im Mittelmeerraum. Total schön.
  • Mein eigentliches Lieblingsexponat des Museums, das Ischtartor, konnte da diesmal gar nicht mithalten. Was ist eigentlich aus Babylon geworden?
  • Dann gab’s erstmal Erbsensuppe und Weißweinschorle zur Stärkung. An solchen Tagen bekommt man ausnahmsweise mal die volle Ladung einheimischer Spezialitäten. Bouletten, Bratwurst, Erbsensuppe und Kantinengestank überall. Wir waren draußen, da hat’s nicht gestunken, und ich mag ja Erbsensuppe, und die letzte Rostbratwurst war auch schon ’ne Weile her.
  • Nach so viel Mainstream mussten noch ein paar Skurrilitäten her.
  • Im Finnland-Institut stellte sich das Arktismuseum vor. Es gab hübsche Landschaftsbilder, moderne Frauenskulpturen und komfortable Toiletten. Finnland mag ich ja auch gerne, habe ich eine Woche zuvor vor Ort gelernt.
  • Die Polizeihistorische Sammlung war mir eher zu skurril. Der Versuch, die Geschichte der Berliner Polizei systematisch darzustellen, endet 1949. Ist ja auch schon eher eine Looser-Geschichte. Danach gibt es nur noch Unifomen, Waffen und Unikate, die bei Kriminalfällen mal eine Hautrolle spielten wie Dagoberts Telefonzelle. „Nee, dit süt aba ooch schück aus“, entfuhr es einer Besucherin bei der sechsunddreißigsten Uniform. Ich konnte ihre Verzückung nicht ganz teilen.
  • Im Eingangsbereich gab es Uli-Stein-Comics, es stank nach Bouletten, und die Live-Musik war unbeschreiblich. Die Bouletten waren aber bestimmt hausgemacht und ein gutes Preis-Leisungs-Verhältnis.
  • Ich war zwar ziemlich fertig, musste aber auf dem Heimweg zumindest einen Blick ins Schwule Museum werfen.
  • Es schien fast ebenso skurril wie der vorherige Besuch. Der besichtigte Raum war eher zielgruppenorientiert, parallel performten einige angeheiterte junge Leute und eine Digitalkamera.
  • Es gibt doch eine systematische Ausstellung, sie befindet sich im 1. Stock. Die Besichtigung kann der Allgemeinheit doch empfohlen werden.
  • Meine Füße waren total am Ende.
  • In der Zeitung stand, der Durchschnittsbesucher würde fünf Locations besichtigen. Spinnen die denn alle, da liegen wir ja nur knapp drüber, und das war ganz schön anstrengend.
  • Im Vorprogramm habe ich allerdings auch noch etwa 10 Neuköllner Kleinunternehmer und Unterhaltungselektronikmärkte abgeklappert beim versuch, ein Nokia N80 zu erstehen. In schwarz. Zum Mitnehmen. Mit Vertragsverlängerung. Hat nicht geklappt.
  • Und in Sealife/Domaquarium waren wir auch noch bevor unsere Museumsnacht begann. Da wo man mit dem Fahrstuhl durch’s Aquarium fährt.

Das war ein prima Urlaubstag.

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